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Als ich wieder zu Bewusstsein kam, vernahm ich eine sanfte Stimme:
»Halt durch... es wird alles gut...«
Es war eine solch angenehme, warme Stimme, dass ich ihr ewig zuhören wollte. Aber es wurde wieder dunkel um mich, ich verlor abermals das Bewusstsein.
Ich muss wohl einige Tage und Nächte in diesem halb-bewusstlosen Zustand verbracht haben und jedes Mal, wenn ich kurz wach wurde, lauschte ich dieser Stimme, die mir ruhig Mut zusprach.
Langsam kam ich wieder zu Kräften und eines Tages erwachte ich wie nach einem langem, erquickendem Schlaf. Endlich, endlich würde ich meinen Retter sehen und ihm danken können.
Ich sah mich erwartungsvoll um. Ich befand mich in einer kleinen Holzhütte, mit nur einem Zimmer.
In der Mitte prasselte in einer Feuerstelle ein kleines Feuer. Die Hütte war leer bis auf einen niedrigen Tisch und das Lager,
von dem ich mich erhob. An Haken an der Wand hingen einige Gerätschaften und Bündel von duftenden Kräutern, in einer Ecke standen ein paar Krüge und Schüsseln in einem kleinen Regal.
Ich schaute mich neugierig um, aber niemand war da, ich war allein. Etwas enttäuscht trat ich aus der Hütte und kniff vom Sonnenlicht geblendet die Augen zusammen.
Die Hütte stand an einer friedlichen kleinen Lichtung mitten im Wald.
Aus nicht allzu weiter Entfernung drang Meeresrauschen an meine Ohren. Ich folgte dem Geräusch und fand mich bald am Rande einer hohen Klippe wieder.
Weit unten schlugen die Wellen gegen die Felsen. Mir schwindelte bei dieser Höhe und einen kurzen Augenblick war mir, als verlöre ich das Gleichgewicht.
Da spürte ich, wie mich jemand festhielt und von der Felskante wegzog. Erschrocken fuhr ich herum und blickte in die freundlichsten
Augen, die ich jemals gesehen habe.
»Nicht, dass du wieder stürzt.«, hörte ich jemanden sagen.
Da war sie wieder, diese Stimme, die mir den Weg aus der Dunkelheit gezeigt hatte.
»Sie... Sie haben mich gerettet und gesund gepflegt. Ich verdanke Ihnen mein Leben! Vielen Dank!«
Er lachte nur und erwiderte:
»Ich konnte dich kaum dort liegen lassen. Hierher verirrt sich nur selten jemand.
Was hast du nur so tief im Wald gemacht?«
»Oh, ich... ich erinnere mich noch, dass ich durch den Wald rannte, so schnell ich konnte... dann wurde es plötzlich dunkel. Ich erinnere mich nicht, was geschehen ist.«
Es stellte sich heraus, dass ich in eine Felsspalte gestürzt war. Mein Retter fand mich, zerschunden und halbtot und trug mich in seine Hütte.
Dort pflegte er mich neun Tage lang, flößte mir Suppe ein und verband meine Wunden.
»Du musst stark sein, sonst hättest du solch einen Sturz kaum überleben können.«, sagte er mit einem Lächeln.
»Eigentlich war es Ihre Stimme, die mir die Kraft gab... oh!«
Ich hätte mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Verschämt blickte ich ihn an. Aber er machte sich nicht lustig über mich,
sondern schaute mich ernst an und sagte:
»Das hatte ich gehofft.«
Eine Weile schwiegen wir, dann räusperte er sich und meinte, es wäre Zeit zu essen. Wenig später köchelte über der Feuerstelle ein duftender Eintopf
und während ich aß, spürte ich wie mein geschwächter Körper wieder zu Kräften kam.
Bald darauf dämmerte es und die Nacht brach herein. Mein Retter überzeugte mich, dass es zu gefährlich wäre, nachts nach dem Nachhauseweg zu suchen -
wie sollte ich auch danach suchen, ich erinnerte mich schließlich nicht einmal, woher ich überhaupt gekommen war.
Er überließ mir für eine weitere Nacht sein Lager - erst jetzt fiel mir auf, dass er seit über einer Woche auf der kalten Erde geschlafen haben musste -
und wir legten uns schlafen.
Früh am Morgen schreckte ich aus einem unruhigen Schlaf hoch und war für einige Augenblicke völlig orientierungslos, bis mir wieder einfiel,
dass ich gestürzt war und hier gesund gepflegt worden war. In einer Ecke schlief zusammengerollt unter einer dünnen Decke mein Lebensretter.
Ich betrachtete ihn eine Weile. Sein Fell war etwas struppig, doch darunter zeichneten sich deutlich die Muskeln ab. Das Leben hier im Wald
war wohl nicht immer ganz einfach. Hatte er denn keine Familie? Keine Freunde? Warum lebte er hier ganz allein?
Ich beschloss etwas die Gegend um die Hütte zu erkunden. Allerdings war ringsum nichts als dichter Wald und bis auf ein paar Hasen und Eichhörnchen traf ich keine Lebewesen.
Ich versuchte mich zu erinnern, woher ich gekommen war... wovor oder vor wem war ich nur davongelaufen? Wurde ich etwa verfolgt?
Ich kehrte zur Lichtung zurück und legte mich vor der Hütte nieder um weiter nachzudenken.
Er würde mir helfen müssen, in die nächste Stadt zu finden. Vielleicht konnte ich dort meine Familie wiederfinden - oder eher
gefunden werden, denn ich wusste nicht, nach wem ich suchen sollte. Nach dem Frühstück erzählte ich ihm von meinem Vorhaben und er willigte ein,
mich nach Altador zu führen. Doch schien er seltsam betrübt darüber zu sein. Als ich ihn fragend ansah, lächelte er mir
aufmunternd zu: »Wir werden deine Familie schon finden.«
Kurze Zeit später machten wir uns auf den Weg. Er ging voran und warnte mich hin und wieder vor losen Steinen oder herausragenden Baumwurzeln.
Ganz offensichtlich fand er sich blind im Wald zurecht, er kannte jeden Stein, jeden Baum und alle Tiere, die dort lebten.
Mittags rasteten wir kurz und wanderten dann weiter. Am frühen Nachmittag erreichten wir die Bergkette um Altador und kamen noch vor Sonnenuntergang
in Altador an.
Hier war ein solch geschäftiges Treiben, dass es nach der Stille des Waldes auf mich wie ohrenbetäubender Lärm wirkte.
Am liebsten hätte ich mir Ohren zugehalten und wäre wieder in den Wald geflüchtet. Aber schließlich waren wir hier um meine Familie zu finden.
Ich bog gerade ziellos um eine Straßenecke, als ich mit einer sehr geschäftigen Xweetok-Dame zusammenstieß. Die vielen Schachteln und Tragekörbe, die
sie geschleppt hatte, fielen zu Boden und Obst und Gemüse kullerten über den Boden. Sie fluchte leise und sah sich dann nach dem Ursprung dieses
Unglücks um - mir. Eine Weile starrte sie mich mit offenem Mund an. Dann schrie sie los: »Teto! Bist du's wirklich!? Meine Güte, Teto, wo hast du nur gesteckt?
Alle haben sich solche Sorgen gemacht!« Und sie umarmte mich herzlich.
Das war mir sehr unangenehm, denn ich konnte mich beim besten Willen nicht an diese Frau erinnern. Schüchtern fragte ich:
»Entschuldigung, aber kennen wir uns?«
Abermals starrte sie mich an, diesmal ungläubig und verwirrt.
»Was soll das heißen, Teto, ich bin's, deine Tante! Komm, gehen wir heim... sie werden so erleichtert sein!«
»Sie?«
»Ja, deine Eltern und Geschwister natürlich. Sie waren in tausend Ängsten, weil du vom Spielen im Wald nicht zurückgekehrt bist. Natürlich haben wir dich gesucht...
aber du warst wie vom Erdboden verschluckt... wo warst du nur?«
Da fiel mir mein Retter wieder ein und ich drehte mich zu ihm um. Er hatte sich bei all der Wiedersehensfreude im Hintergrund gehalten
und trat jetzt zu uns und stellte sich vor und schilderte ihr, was geschehen war. Meine Tante bedankte sich unablässig bei ihm, während wir
uns auf den Weg machten.
»Wohin gehen wir eigentlich?«, fragte ich.
»In unser Dorf, Tetolein. Du hast dir aber ordentlich den Kopf gestoßen, was?«, antwortete meine Tante und lachte schallend.
Im Dorf angekommen umringten uns gleich Dutzende von Xweetoks und alle hießen mich willkommen. Auch meine Eltern waren überglücklich,
mich wieder bei sich zu haben und meine Freunde weinten Freudentränen. Alle hatten wohl gedacht, ich sei tot.
Unzählige Male musste ich erzählen, was mir wiederfahren war und wo ich all die Zeit gesteckt hatte. Meine Mutter war ganz
aufgelöst und weinte unablässig.
Er hielt sich still lächelnd im Hintergrund. Zwischen uns allen wirkte er seltsam einsam. Es
war als stünden wir alle im Licht und nur er schien im Schatten zu stehen. Zumindest auf mich wirkte es so, die anderen schienen
es nicht zu bemerken, daher tat ich es schnell als meine Einbildung ab. Langsam wurden alle müde und jemand schlug vor,
dass wir uns schlafen legen sollten. Auch ihm wurde ein Lager bereitet und meine Eltern bedankten sich nochmals bei ihm für
meine Rettung. Er winkte lachend ab, sagte ihnen wie auch mir zuvor, das wäre doch selbstverständlich gewesen.
{ Fortsetzung folgt }


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