Grüngrau

Hier war ich also wieder.
Am Anfang.
Im Licht der Abendsonne lag mein Heimatdorf Salan vor mir.
Wann war ich das letzte Mal hier gewesen?
Ich erinnerte mich genau an die mondhelle Nacht, in der ich fortgelaufen war. Fünf Jahre musste es her sein. Eine Ewigkeit.
Ich schluckte.
So vieles trennte mich inzwischen von den Menschen hier.

Ich machte einen zögerlichen Schritt nach vorn. Sofort schoss ein stechender Schmerz von meinem rechten Oberschenkel in die Wade. Ich verzog das Gesicht. Vielleicht war ich zu früh aufgebrochen. Die Narben an meinen Armen und meiner Stirn waren fast vollkommen verheilt, doch mein rechtes Bein nur mäßig. Nach meiner Wanderung sickerte sogar wieder Blut aus der Wunde. Doch es wäre zu gefährlich gewesen, noch länger in der Hauptstadt zu bleiben. Nicht, wenn man selbst in dunklen Nebenstraßen Fahndungsplakate von mir fand.

Das ich überhaupt überlebt hatte, war ein wahres Wunder - und passte den Behörden ganz augenscheinlich nicht in den Kram. Mir war es generell ein Rätsel, wie sie es herausgefunden hatten. Aber leider stehen denen ja alle Mittel und Wege zur Verfügung, dachte ich bitter.
Halt! - ich hatte mir geschworen, nicht mehr darüber nachzudenken. Ich schob alle Gedanken weg und konzentrierte mich allein darauf, so schnell es ging zum Dorf zu gelangen. Ich hielt mich im Schatten der Bäume, zu viel Aufmerksamkeit konnte ich nicht gebrauchen.

Der Brunnen, die sechs großen Familienhütten, der Häuptlingssitz und der kleine Altar der Göttin Ju - es hatte sich wirklich nichts geändert. Diese Ansammlung war von einem Ring aus Dornpflanzen und dichten Büschen umgeben, der genau wie das große Feuer in der Mitte, vor wilden Tieren schützen sollte.

Ich näherte mich, halb gehend, halb humpelnd, dem Brunnen.
Hier irgendwo... ja, genau wie früher!
Die Zweige des einen Busches reichten zwar bis zum Boden, doch sie waren einfach zur Seite zu schieben und boten danach einen recht geräumigen Gang, durch den man ungesehen wieder ins Dorf kam, auch nachdem das hölzerne Tor geschlossen worden war. Dieser Tunnel war häufig nützlich gewesen... Mit einem leisen Lächeln erinnerte ich mich an verbotene Feste in einem Baumhaus im Dschungel...

Ich krabbelte hindurch, die Schmerzen in meinem Bein ignorierend und stand jetzt auf halber Strecke zwischen dem Brunnen und - schluck - der Hütte meiner Familie. Ich wendete mich zum Brunnen. Erst etwas Trinken.

Angst. Ich hatte in den letzten fünf Jahren viele Arten von Angst kennengelernt - dies war schamvolle Angst. Indem ich weggelaufen war, hatte ich meine Familie in Verruf gebracht; so viel war sicher. Ich hatte sie beschimpft, belogen, bestohlen und über alle Maße enttäuscht. Und nun wollte ich zurückkehren.

Ich tauchte meine Hände ins kühle Nass des Brunnens und schöpfte ein wenig Wasser, das ich mit Genuss trank. Dann blickte ich auf in die sternklare Nacht. Ich atmete tief durch.
Yavora?" Ich zuckte zusammen. Dieser Name klang so ungewohnt. Bei den Rebellen war ich Yolanda gewesen. Ich brachte ein hilfloses Lächeln zustande. Meine Mutter warf sich mir weinend um den Hals.
Wo, wo bist du nur gewesen", schluchzte sie in meine Schulter. Schließlich ließ sie von mir ab und blickte mir tief in die Augen. "Du siehst... alt aus." Ich konnte nichts antworten. Tränen glitzerten in ihren Augen. Dann packte sie mich wortlos an der Hand und zog mich in die Hütte. Alle schliefen. Ich suchte mir einen freien Fleck, legte mich hin und glitt langsam in den Schlaf.





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