[IM RE-AUFBAU]

Begegnung
Schweren Mutes stapft Ihr durch die nebligen Straßen von Neovia.
Den Bus nach Hause verpasst, das Portmonee gestohlen, das Handy verloren .. Das war einfach nicht Euer Tag. Ihr seufzt selbst mitleidig und streicht Eure vom Regen durchnässten Haare zurück. Ein guter Freund wohnt ganz in der Nähe, vielleicht könnt Ihr von dort ein Taxi rufen oder sogar die Nacht in seinem Haus verbringen um am nächsten Morgen Euren Weg fortzusetzen.
Ein Rascheln vom Wegesrand erregt Eure Aufmerksamkeit. Ihr dreht den Kopf in die Richtung, aus welcher das Geräusch kam, doch Ihr seht nichts als einen morschen Holzzaun und dichtes Blattwerk. Schulter zuckend setzt Ihr Euren Weg fort, aber das Rascheln wiederholt sich.
Ohne zu wissen, was genau Ihr tut, schwingt Ihr Euch über den Zaun und taucht ein in die geheimnisvolle Sphäre des Gespensterwaldes ..
Noch immer prasselt Regen auf die zerfallenden Blätter und hie und da auch auf den schlammigen Boden. Ihr fragt euch stetig, warum Ihr – Himmel nochmal – der Verlockung nicht widerstanden habt, in den Wald zu gehen. Leise verfl.ucht Ihr Euch selbst und lehnt Euch schnaufend an einen Baum.
Plötzlich bemerkt Ihr ein eigenartiges rötliches Glimmen an seinen Zweigen. Gleich darauf brechen sie wie von selbst ab und dreschen auf Euch ein! Verwirrt und überrumpelt schlagt Ihr um Euch und versucht, die Störenfriede zu zerbrechen, doch selbst die in Stücke geschlagenen Teile schwirren noch um Euren Kopf und stechen in Eure Haut.
Jetzt löst sich auch noch ein Ast und prügelt auf Euch ein. Eure Gesicht ist bereits zerkratzt und ihr versucht, den Ast fest zu halten, aber er entweicht Eurer Hand. Dann spürt Ihr plötzlich einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Ihr vernehmt noch das Geräusch von wütendem Hufgetrappel auf dem feuchten Waldboden. Dann wird alles dunkel.~
Ein keuchendes, schreiendes Geräusch reißt Euch aus der Benommenheit. Langsam schlagt Ihr die Augen auf und blickt plötzlich in das abartig hässliche Gesicht eines .. Pferdes?
Nein, denkt Ihr, ein Pferd oder Uni sieht anders aus. Dieses Geschöpf ähnelt eher einem .. einem .. nein, es gibt nichts, womit dieses Antlitz zu vergleichen wäre.
Und zu allem Überfluss beginnt dieses abscheuliche Etwas jetzt auch noch zu Lachen. Zumindest soll es so klingen, schließt Ihr.
„Na, haben wir uns erschreckt?", fragt die Kreatur mit einer keuchenden, schrillen Stimme, die Dieter Bohlen höchstwahrscheinlich auf der Stelle tot umfallen lassen würde.
„Nun rede, du armseliges Stück Schmutz!", kreischt das Wesen wieder und ein faulender Atem schlägt Euch ins Gesicht. Es fühlt sich an, als wäre das 'Pferd' schon seit einiger Zeit tot.
„Ich .. ich ..", stammelt Ihr, fieberhaft überlegend, was Ihr der Kreatur antworten könntet. „Ich .. komme aus Neovia und bin hier hinein geraten und ..".
Das scheppernde, keuchende Lachen des Wesens unterbricht Euch. „Niemand gerät hier einfach hinein. Nicht einmal ihr erbärmlichen, hässlichen Nichtsnutze von Menschen".
Irgendwie war es eigenartig, dass diese grauenhafte Bestie Euch als „hässlich" bezeichnete.
„Aber wo du schon einmal hier bist .. Ich habe seit Tagen nichts anständiges mehr gefressen", grunzt das Pferd und entblößt eine Reihe rasierklingenscharfer, verfaulender Zähne. Euch wird schon vom Anblick dieser Hauer fast schlecht.
Doch plötzlich dringt eine zweite Stimme an Euer Ohr, eine viel hellere, weichere im Gegensatz zu der des scheußlichen Pferdes.
„Doxontra! Verda.mmt, lass den Menschen in Frieden!".
Das Maul über Euch dreht sich weg und Ihr atmet erleichtert auf.
„Halt dich daraus, es ist meine Sache, was ich esse und was nicht, und dieses jämmerliche Häufchen Elend ist mir praktisch ins offene Maul gelaufen!", gibt das abscheuliche Geschöpf wider, dessen Name anscheinend Doxontra ist.
Jetzt könnt Ihr sehen, dass der Körper der zweiten Stimme ebenfalls der einer Pferdes oder Unis ist, allerdings sieht es bei weitem nicht so bestialisch aus wie Doxontra. Es hat graugrünes Fell und die riesigen flammenden Flügel fallen dir als erstes auf.
Das geflügelte Wesen lächelt. „Natürlich kann ich es dir nicht verbieten. Ich dachte nur, du hörst auf mich, weil ..".
Doxontra schnaubt verächtlich. „Weil was? Weil du das einzige Wesen auf diesem Planeten bist, dem ich vertraue, Laskatra?", dröhnt sie.
Laskatra blickt Doxontra und Euch mit einem Ausdruck an, der eine Mischung aus Trauer und Verständnis sein mochte.
Die pferdeähnliche Kreatur steigt zornig und für einen kurzen Augenblick siehst du ein blutgetränktes weißes Tuch, welches um ihren Bauch gebunden ist. „Gut, du hast gewonnen, aber ich versichere dir, das ist das ALLERLETZTE Mal, dass du mich um eine schmackhafte Mahlzeit bringst!".
Damit galoppiert Doxontra davon und verschwindet in Sekundenschnelle zwischen den Blättern.
Auch Laskatra nickt Euch kurz zu. „Bitte, Mensch, versprich mir eins. Komm nie wieder hierher. Nie wieder.
„Ich verspreche es", flüstert Ihr und noch bevor Ihr den Satz ausgesprochen habt, ist das Pferd mit den brennenden Schwingen ebenfalls im Unterholz verschwunden. Und das, ohne auch nur ein Blatt zu versengen.
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Ein Monster wird erschaffen
Doxontra wurde auf einer grünen Weide mitten im Sommer geboren. Damals lebte sie auf einem Hof. Wer ihre Mutter oder gar der Vater war, weiß niemand mehr. Auch wurde das Uni dort vortrefflich ausgebildet, sodass Kinder und auch Erwachsene auf ihr das Reiten lernten. Doxontra war ein gutes Tier, ruhig und ausgeglichen, genau wie es sein sollte. Doch diese eine Nacht veränderte ihr Leben.
Doxontra schreckte aus einem glücklichen Schlaf hoch. Sie roch den Gestank von Rauch und Feuer und dann glitt ihr Blick zu einem Heuballen, welcher Feuer gefangen hatte. Ein paar Sekunden starrte sie die Brandstelle nur entsetzt an, dann begann sie laut zu wiehern in der Hoffnung, dass die anderen Uni sie hören würden.
Aber sie taten es nicht. Sie hörten nicht. Panisch trat Doxontra gegen die Boxentür und endlich löste sie sich aus den Angeln. Das Feuer hatte sich weiter ausgebreitet und das Uni wieherte nun noch lauter und lauter, warum hörte ihre Kameraden denn nicht? Sie würde sterben in den Flammen!
Eine Stichflamme züngelte vor Doxontra auf. Das Uni drehte sich voller Panik um und versuchte, die Scheunentür einzutreten. Und sie schaffte es – mit Hilfe des Feuers. Doxontra rannte durch die brennenden Holzstücke und kurz nachdem sie das Haus aus Holz verlassen hatte, krachte die gewaltige Feuerstelle ein und ihre Flammen verschlangen die anderen Unis.
Kurz bevor sie sich auf einen Hügel retten konnte, wurde Doxontra durch schimmernden Rauch aufgehalten, der ihr Sicht und Lunge vernebelte. Doch halt. Das war kein Rauch. Zwei dunkelblaue Lichtpunkte blitzten wie Augen in der Kreatur auf. Und dann spürte Doxontra förmlich, wie ein Teil ihres Augenlichts verschwand. Sie wurde nicht blind, aber irgendetwas fehlte dort in ihren Augen. Die Konturen des rauchigen Geschöpfs verschwanden und das Uni hatte beim weitergehen seltsamerweise das Gefühl, als wäre die Farbe aus ihren Augen gesaugt worden.
Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete Doxontra den brennenden Friedhof. Ihre Mutter, ihre Freunde. Alle waren tot oder würden in wenigen Augenblicken sterben. Hilflos musste sie zusehen, wie die Feuerwoge nach dem Wirtshaus und der Halle griff. Bald würde alles Leben hier ausgelöscht sein. Das Uni glaubte kaum, dass sie vor ein paar Stunden noch ein kleines Kind auf ihrem Rücken getragen hatte, dort unten in der Halle, die jetzt unter Flammen in sich zusammenbrach. Das Kind war ein Ferienkind gewesen, dass jetzt wahrscheinlich oben in ihrem Bett von der sengenden Gewalt des Feuers überrascht wurde ..
Doxontra stieß ein Keuchen aus und rannte weg. Sie rannte und rannte, weg von diesem Grauen, weg von den toten Körpern ihrer besten Freunde, weg vom Tod und weg vom Gestank und der Asche, die ihre Luftröhre verklebten.
Am nächsten Tag erwachte Doxontra im Wald. Hier war sie schon so oft von Menschen her geritten worden .. heute wurde sie vom Schicksal her geritten. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht überfielen sie wie ein hungriges Raubtier. Sie hatte niemanden, zu dem sie nun gehen konnte. Alle, die sie kannte waren tot oder zu weit weg. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als eine Stadt oder ein Dorf aufzusuchen. Doch das stellte sich als gar nicht so einfach heraus.
Ein Rudel Wölfe umzingelte das verängstigte Uni. Verzweifelt suchte es nach eine Schwachstelle im dichten Bund der Bestien – und fand eine. Hoffnungsvoll preschte sie durch das Pack Wölfe und floh in einer zufällige Richtung, ohne zu wissen, wo sie ankommen würde. Die hungrigen Wölfe folgten ihr stetig und heulte unheilvoll.
Dann erreichte Doxontra einen Teil des Waldes, den sie sonst niemals betreten hätte; Die betrügerischen Schwefel-Ebenen.
Ohne recht zu wissen, was sie tat jagte das Uni über den modrigen Boden, der bei jedem ihrer Schritte einsackte und Geräusche erzeugte, bei denen einem schlecht wurde und blieb erst nach ein paar Minuten stehen um sich um zudrehen. Die Wölfe waren ihr nicht gefolgt. So klug waren sie gewesen. Wäre ich nur so klug gewesen, dachte sich Doxontra. Sie war hierher gerannt ohne nachzudenken, nur mit dem Gedanken, nicht von den Wölfen gefressen zu werden. Doch jetzt würde wahrscheinlich am Schwefelgeruch ersticken oder von Mutanten bei lebendigem Leibe aufgefressen werden.
Aber weiter kam das Uni mit seinen Gedanken nicht, denn der beißende Gestank von Mutanten und Schwefel ließen sie langsam zu Boden sinken.~
Wach auf, schien eine Stimme in Doxontra zu sagen. Wie wie sollte sie aufwachen? Sie war tot. Tot. Dass hatte sie sich immer etwas anders vorgestellt, aber es musste so sein. Dennoch öffnete sie die Augen – und sah die Schwefel-Ebene, so wie sie sie gesehen hatte, als sie gestorben war. Nur schwach und trüb, aber sie konnte alles erkennen. Ein kleines Spyder krabbelte auf sie zu und beäugte sie interessiert. Doxontra versuchte, etwas zu sagen und was aus ihrer Kehle kam, war ein trockener, keuchender Laut, der sie erschaudern ließ. Oder viel mehr, er hätte sie erschaudern lassen.
Doxontra fühlte keinen Ekel oder Angst vor ihr selbst. Ganz im Gegenteil.
Während das Uni noch versuchte, herauszufinden, was mit ihm geschehen war, hörte es plötzlich ein helles Wiehern.
Ein Pferd! Ein anderes Pferd! Neugierig stand sie auf und spürte sofort irgendetwas eigenartiges an ihrem Bein. Als sie den Kopf senkte hätte sie wahrscheinlich fast einen Herzstillstand bekommen, denn ihr rechtes Bein bestand nur noch aus klappernden Knochen und die Nerven und Sehnen, die sie zusammen hielten.
„Hallo? Ist da jemand?", erklang ein Ruf aus der Ferne und Doxontra war sicher, dass es die Stimme des Pferdes war, dass sie eben hatte wiehern hören. Ein hustender, trockener Schrei wurde aus Doxontras Kehle gedrückt und im Nebel erschien ein erschöpftes Uni mit graugrünem Fell und gewaltigen brennenden Schwingen. Geschockt starrte es Doxontra an.
„W-wer bist du?", fragte das Pferd verängstigt.
Und dann begann Doxontra alles mit ihrer toten, keuchenden Stimme zu erzählen, alles was passiert war und was sie zu dem machte, was sie ist.
Die Stute namens Laskatra hatte , wie Doxontra erfuhr, ein ganz ähnliches Schicksal erlebt. Die beiden blieben von nun an zusammen und suchten sich eine kleine Stelle im Wald, in die sie von nun an lebten.
Ich habe kein Herz mehr. Sie haben es direkt aus meiner Brust gefressen. Das einzige, was ich habe ist mein Hirn, es denkt und es steuert meinen Körper. Ich bin tot, aber ich lebe. Ich bin eine Lebende Tote. Ich habe zu viel Elend ertragen um weiter zu leben, aber ich habe auch zu viel Elend ertragen um zu sterben. Meine Seele ist tot, mein Körper lebt. Ich nähre mich vom toten Fleisch, von verwesenden Knochen und vom frischen und alten Blut der anderen, deren Schicksal besiegelt ist. Die ich kenne und liebe sind tot, die mich hassen müssen sterben. Der Tod nimmt mir meine Seele, meine Liebe, er hat meinen Körper vergessen. Ihr findet mich hässlich, ihr findet mich grausam, ihr findet mich bestialisch, aber es gibt doch eine, die mich versteht. Vielleicht bin ich das alles, aber es ist gut so. So muss es sein. Ich habe kein Herz mehr. Sie haben es direkt aus meiner Brust gefressen.
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