Der Reisen war es für's erste genug und nach langen Jahren kehrte Meister Chozzar wieder in die Hallen der Meister ein. Ihm folgte der Lehrling, den er nach langen Bitten angenommen hatte – Mathesuas. Sieben Jahre würde dieser nun bei ihm bleiben und sich hoffentlich genauso talentiert zeigen, wie Chozzar sich das wünschte. Nichts war schlimmer als unbegabte oder gar faule Novizen! Aber hier in den hölzernen Hallen konnte er sich endlich auch wieder mit anderen Meistern treffen. Die großen Versammlungen fanden alle 13 Jahre statt und es war ein wochenlanges Austauschen von Erlebnissen, Anekdoten, Entdeckungen und Erkenntnissen. Kein Hexenmeister, der etwas auf sich hielt, würde dieses Treffen versäumen. Bei seiner Ankunft war er bereits freudig von einem alten Bekannten begrüßt worden, während ein anderer Meister sich schleunigst aus dem Staub machte, denn Chozzar war für seine langlebigen Rachegelüste bekannt und gefürchtet. Das Zimmer, das ihm mit seinem Novizen zugewiesen worden war, ließ keinen Wunsch offen. Es war eigentlich mehr eine Suite mit mehreren Räumen und einem luxuriösen Badezimmer. Natürlich war, wie der Name der Hallen schon sagte, alles mit Holz vertäfelt und sogar die Badewanne war ein großer Holzzuber. Mathesuas staunte unverhohlen und Chozzar belächelte die Naivität seines Novizen leicht. Er würde schon dafür sorgen, dass Mat in Zukunft nicht mehr so leicht zu beeindrucken wäre. Schließlich war es die Aufgabe der Meister das Staunen hervorzurufen.

Gerade hatte sich der Meister in seinem Raum niedergelassen, als ein Klopfen an seiner Tür seinen Gedankengang störte. Auf ein Wort steckte Mat seinen Kopf zur Tür herein und meldete einen Besucher. Dieser entpuppte sich als Meisterin Amiarana. Chozzar war höchst erfreut, denn er hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Nachdem die ersten Höflichkeiten ausgetauscht waren, fragte er sie: „Würdet ihr einem Spaziergang durch die Arkaden abgeneigt sein? Ich habe vieles, was ich euch gerne berichten würde." Lächelnd stimmte sie zu. Die Arkaden waren trotz des heißen Sommerwetters immer schön kühl und viele der Meister begaben sich dorthin, um ihre Gespräche zu führen.

Amiarana hörte sich gerne die Abenteuer an, die Chozzar auf seinen Reisen erlebt hatte. Besonders gerne hörte sie natürlich, dass er endlich einen Rückzugspunkt bei Wolki gefunden hatte. Chozzar konnte stundenlang von den Verrückten erzählen, die dort lebten, aber alle irgendwie doch zusammengehörten. Da Amiarana die Geschichte der alten Meister lange studiert hatte, war sie besonders von Hassiej beeindruckt, der das Archiv führte. An diesem Punkt unterbrach sie gedoch: „Sagt, seid ihr nicht auf euren Reisen über das Große Buch Der Seelenrituale gestoßen? Ich suche doch schon seit langem danach." Chozzar schüttelte den Kopf: „Leider ist mir dieses Buch nicht begegnet, aber ihr erinnert mich an ein anderes Werk, das euch sicher interessieren wird." Eine komplizierte Handbewegung später hielt er ein Buch in den Händen, das so aussah, als würde es auseinanderfallen, sollte jemand es auch nur schief anschauen. Amiarana jedoch war sofort begeistert. „Die Geheimnisse Des Grauen Ordens! Wo ist euch das in die Hände gefallen? Was muss ich euch geben, dass ihr euch davon trennt?" Chozzar grinste. „Ich habe es in einem Dorf gefunden, das meine Dienste nicht zu würdigen wusste. Also nahm ich an, sie wollten, dass ich meinen Lohn selber aussuchte." „Das kann ich euch zutrauen.", seufzte die Magierin.

Dann wiederholte sie ihre Frage: „Was wollt ihr dafür haben. Ich würde einiges geben, um dieses Buch meiner Bibliothek hinzufügen zu können." Chozzar überlegte. Amiarana hatte nicht viel, was er gebrauchen konnte. Er kam schließlich gut über die Runden. Natürlich gab es da das ein oder andere, was für seine Arbeit nützlich sein würde. „Ich bin bereit mich von diesem Schatz für vier Tanzschritte eines Bücherwurms, zwei Morgengrüßen einer Schwarzdrossel und einem Schmetterlingskuss." Amiarana fuhr zurück. „So viel? Wollt ihr mich in den Ruin treiben? Ich kann euch die Tanzschritte und die Morgengrüße geben, aber keinen Schmetterlingskuss." Der Meister nickte. Das hatte er erwartet, aber es konnte nie schaden etwas mehr zu verlangen, im Falle, dass man es doch bekam. Sein Gegenüber zog ihren langen, dünnen Stab aus den Falten ihres Gewandes und schwang ihn einmal. Viermal erklang ein fast unhörbares Trippeln und zweimal ein herzerwärmender Gesang. Chozzar fing die Töne mit seinem Mantel auf, bevor sie entfleuchen konnten. Dann reichte er der Historikerin das alte Buch.

Amiarana konnte ihre Aufmerksamkeit nicht mehr von ihrer neusten Errungenschaft lösen, also ließ Chozzar sie stehen, um nach weiteren bekannten Gesichtern zu sehen. Die Magiergilde wuchs jährlich um neue Mitglieder und so war es wenig verwunderlich, wenn er auf viele Unbekannte traf. Noch in den Arkaden traf er jedoch auf einen weiteren Bekannten, der ihn auch gleich mit einem Wortschwall überfiel. „Meister Chozzar! Wie freue ich mich, euch wieder zu sehen! Ich habe lange gewartet, euch meine neuste Entdeckung mitzuteilen. Die Mondgeister...." Chozzar konnte sich eines entnervten Stöhnens nicht enthalten. Meister Volans war immer bereit über Mondgeister zu sprechen – und leider immer in Theorien und Thesen, die nicht wirklich praktisch nutzbar waren. Jetzt konnte er sich jedoch nicht einfach verabschieden, sonst würde ihm ein beleidigter Hexenmeister im Rücken stehen und das war etwas, worauf er getrost verzichten konnte. Er hatte hier schon genug Feinde. Also begann er im Kopf die Liste seiner Zutaten für Heiltränke aufzuzählen und gleichzeitig zu überprüfen, ob er nicht doch etwas Nachschub von dem einen oder anderen Kraut brauchte.

Aus seinen Überlegungen wurde er erst gerissen, als Volans plötzlich aufhörte zu reden. Die abrupte Stille seines Gegenübers veranlasste Chozzar dazu sich nach dem Grund für eben diese umzusehen. Eine Gruppe Novizen kam gerade sich magisch raufend den Bogengang entlang. Chozzar zog die Brauen zusammen. Die kleinen magischen Spielerein, mit denen sich diese Raufbolde bewarfen, waren nichts an echter Zauberkunst. Außerdem sollte jeder Novize wissen, dass solche Streiterein von den Meistern extrem schlecht aufgenommen wurden. Sie machten sich gerade einige Chancen zunichte, indem sie diesen Radau veranstalteten. Ein Räuspern tat nichts, um die Aufmerksamkeit der Novizen auf ihn zu lenken, was seine Laune gleich noch weiter in den Keller rutschen ließ. So eine Respektlosigkeit war ihm seit langem nicht mehr unter gekommen! Er donnerte seinen Stab auf den Boden und der dunkle Gong, der die Arkaden erzittern ließ, verfehlte seine Wirkung nicht. Jeder in den Arkaden starrte ihn an und zuckte unter seinem bitterbösen Blick zusammen. Meister Chozzar hatte einen Ruf, der ihm voraus eilte. „Was, bei allen guten Geistern, hat euch geritten, dass ihr hier eine Rauferei anfangt?", wollte er von den eingeschüchterten Novizen wissen.

Diese drucksten herum, konnten aber keine Erklärung geben. Augenscheinlich war eine erhitzte Diskussion eskaliert. Chozzar knurrte: „Ihr könnt davon ausgehen, dass eure Meister von diesem Vorfall informiert werden. Und ihr könnt auch davon ausgehen, dass ihr euch sehr bald auf dem Heimweg befindet." Die so zurecht gewiesenen senkten ihre Köpfe. Sollten sie tatsächlich nach Hause geschickt werden, konnten sie ihre magische Ausbildung direkt an den Nagel hängen.
Kaum hatte er sie auf ihren Weg geschickt, nahm Chozzar die Gelegenheit war, sich von Volans zu lösen. Er hatte schließlich besseres zu tun, als irgendwelchen hirnrissigen Theorien über Mondgeister zuzuhören. Seine Spezialität waren sowieso Wetter- und Windgeister, denn erhatte für die Planeten nicht so viel übrig. Nach der ganzen Aufregung – unterbelichtete Novizen regten ihn immer auf – war Chozzar reif für eine besondere Leckerei. Er wusste, dass die Küchen der Hallen immer seine Lieblingsspeise hatten, seitdem er seine Prüfung zum Meister bestanden hatte. Voller Vorfreude machte er sich also auf den Weg.

Zufrieden an seinem Slush-Eis schlürfend machte sich Chozzar wieder auf den Weg in seine Räume. Zu lange wollte er Mat nicht alleine lassen, wenn er doch so viel mehr hier sehen konnte als nur die Räume, in denen sie schlafen würden. Als er die Tür öffnete, verließen ihn jedoch alle Gedanken an Vergnügungen. Der Boden schwamm. Und die Welle, die ihn gerade getroffen hatte, hatte sein Slush-Eis mitgenommen. „Mathesuas!" Sein Ruf rief einen völlig durchnässten und sehr rot angelaufenen Novizen auf den Plan. "Was soll das hier darstellen?", fragte Chozzar gefährlich ruhig. Mat wurde, wenn das überhaupt möglich war, noch röter. Kleinlaut gab er zu: „Ich wollte ein Bad nehmen, Meister Chozzar..." Chozzar schüttelte den Kopf und als er die Wasserträger sah, befahl er ihnen erst einmal aufzuräumen. Dann starrte er Mat an: „Ich hoffe sehr, du hast etwas aus diesem Desaster gelernt, Novize!" Mat nickte vorsichtig. „Ja... Die höheren Beschwörungen sind für mich noch zu schwer?" Eine Frage lag in seiner Antwort. „Das auch. Aber ich habe geradaae ein paar Novizen nach Hause geschickt, weil sie ihre Kräfte ohne ihre Meister und zu frivolen Zwecken verwendet haben. Warum sollte ich bei dir eine Ausnahme machen?"

Mat wurde bleich. „Meister Chozzar... Ich..." Er fand keine Worte. Chozzar warf ihm einen Blick zu, der ihn noch kleiner werden ließ. „Ich werde eine machen, aber ich rate dir, dich in Zukunft deines Verstandes zu bedienen, solltest du eine ähnliche Dummheit vorhaben." Mat sackte vor Erleichterung in sich zusammen. „Danke, Meister..." „Hrmpf. Lass das sein, fang lieber an hier aufzuwischen." Mat beeilte sich dieser Aufforderung nachzukommen. Chozzar schüttelte den Kopf. Jetzt musste er sich noch mal auf den Weg zu den Küchen machen, wenn er sein Slush-Eis noch genießen wollte....

Frei nach J.W. v. Goethe
Bilder und eine weitere Beschreibung des Meisters und seines Novizen sind hier zu finden.

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